Von Arne Leyenberg
Im Keller der Vogels wird geboxt und gebetet
Pierre Vogel teilt aus wie früher. Es geht hier doch nur um eines: um Einschüchterung, ruft er. Er hebt die Stimme, ballt die Faust, haut auf den Tisch. Rund 100 Zuhörer sind am Samstagabend in die Moschee nach Mönchengladbach gekommen, sie kauern vor ihm auf dem Boden. Der Prediger hat sein Publikum in der Hand. Wie früher. Da stand er als Profi im Boxring. Heute predigt Vogel in Gebetsräumen in ganz Deutschland. Der Konvertit ist einer der bekanntesten islamischen Missionare im Land. Ich rechne nicht damit, Brüder, dass ich noch lange so weitermachen kann, sagt er.
Drei Tage zuvor hat er einstecken müssen. Die Staatsanwaltschaft ließ seine Wohnung in Bonn durchsuchen. Ich kam mir vor wie Al Capone, sagt Vogel. Wegen der Verbreitung eines indizierten Buches, in dem die körperliche Züchtigung von Frauen als letztes Mittel gegen Ungehorsam beschrieben wird, nahm die Polizei in ganz Deutschland in insgesamt 30 islamischen Einrichtungen Razzien vor - auch in dem islamischen Kulturverein As Sunnah in Mönchengladbach, wo Vogel jetzt spricht. Das will er nicht hinnehmen, er will zurückschlagen: Wir müssen zu Plan B übergehen: Aus einem Pierre Vogel machen wir tausend Pierre Vogel.
Der Prediger fühlt sich verkannt: „Vor uns muss keiner Angst haben."
Am Nachmittag sitzt Vogel neben seiner Mutter im Bürgerhaus Oberaußem, einem Stadtteil von Bergheim, rund 35 Kilometer westlich von Köln. Aus dem Festsaal dringt Karnevalsmusik. Musik, mit der der 31 Jahre alte Vogel früher als Profiboxer zum Ring marschiert ist. Ein kölscher Jung, laut, lustig, herzlich. 2001 konvertierte er auf der Suche nach dem Sinn des Lebens zum Islam. Am liebsten wäre es mir, er wäre Anwalt oder Pfarrer geworden. Ich sage immer, er ist in einer anderen Partei, sagt Sabine Vogel, die die Gaststätte zusammen mit ihrem Mann Walter gepachtet hat. Im Untergeschoss prügeln Jugendliche auf Sandsäcke ein, die Vogels haben im Haus ein Boxgym eingerichtet. An den Wänden hängen Poster, die einst für die Kämpfe ihres Sohnes warben, im Regal stehen seine Siegerpokale.
Sabine Vogel holt ihrem Sohn frische Handtücher aus dem Schrank. Pierre und sein Begleiter Murat verschwinden im Keller, um auf Kegelbahn Nummer zwei zu beten. Mutter Vogel bleibt zurück, obwohl ihr Sohn sie schon bekehren konnte. Aber dat janze Betjedöns ist nichts für mich, sagt sie. Das ist eine Gefahr für sie, sagt Pierre. Was passiert, wenn sie stirbt? Der Islam ist die einzige Rettung vor ewiger Bestrafung in der Hölle.
Es sei dieses vereinfachte Weltbild, was Pierre Vogel zu einer potentiellen Gefahr mache, sagen Verfassungsschützer. Nach ihrer Einschätzung ist der Konvertit Salafit, auch wenn er sich selbst nicht so bezeichnet. Der Salafismus ist eine elitäre radikale Strömung innerhalb des Islam, dessen Anhänger sich streng an den Wortlaut von Koran und Sunna halten. Sie berufen sich auf die frommen Altvorderen - die Salaf al Salih. Sie glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein. Schon Muslime, die nicht nach ihren Idealen leben, sind für sie Ungläubige.
Diese Gut-böse-Ideologie ist in wesentlichen Punkten nicht mit unserer Vorstellung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu vereinbaren, sagt Burkhard Freier, stellvertretender Leiter des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen. Der Salafismus kann bei jungen Zuhörern, die sich in einer Selbstfindungsphase oder in einer Krisensituation befinden, zu einer Radikalisierung führen. Und die kann in Terrorismus münden. Auch Islamwissenschaftler Herbert Landolin Müller warnt: Vogel ist von Gewalt oder Terrorismus weit weg. Aber sein ideologischer Hintergrund hat es in sich.
Der Prediger fühlt sich verkannt. Vor uns muss keiner Angst haben. Wir wissen, wo unser Rahmen ist. In diesem Rahmen wollen wir unsere Religion individuell praktizieren und kommen nicht mit dem Grundgesetz in Konflikt, sagt Vogel. Vielmehr trage der Islam zum Rückgang der Kriminalität bei. Die kriminellen Jugendlichen kommen jetzt zu uns in die Moschee. Wir bringen ihnen bei, dass es nicht cool ist, Quatsch zu machen, sondern sich zu benehmen. Wir haben den Spieß umgedreht.
Der ehemalige Boxer Pierre Vogel predigt in einer Moschee in Mönchengladbach
Früher galt Vogel als skurrile Figur, nach Fernsehmoderator Frank Plasberg klingt er wie der nette Sohn von Reiner Calmund. Heute sehen Verfassungsschützer den Hünen mit der Boxernase kritischer. Im Dezember wurde ihm die Einreise in die Schweiz verweigert. Vogel wollte in Bern an einer Kundgebung gegen das Minarettverbot teilnehmen, das Schweizer Bundesamt für Migration ließ ihn an der Grenze abweisen. Dabei spricht er sich gegen Minarette aus. Minarette sind Geldverschwendung. Wir brauchen Menschen, keine Gebäude, sagt Vogel. Deshalb hält er in den kommenden sechs Monaten an jedem Wochenende in verschiedenen Städten in Deutschland Kurse in Dawa, der Einladung zum Islam, ab.
Seine Mitstreiter sollen von ihm lernen und dann ausschwärmen mit dem Auftrag, Menschen zum Islam zu bekehren - aus Barmherzigkeit, um die Nicht-Muslime vor ewigem Leid in der Hölle zu bewahren. Wir haben die Mission, den Islam in jedes Haus in Deutschland zu tragen, predigt Vogel. 100 Missionare sollen am Ende der Seminare bei ihm ihre Prüfung ablegen. Wir werden nach sechs Monaten so viele Leute haben, die Dawa machen, die können uns gar nicht mehr aufhalten.
Sich selbst bringt Vogel in Lebensgefahr: 14 Morddrohungen hat er bislang erhalten
Als Jugendlicher hätte sich Vogel noch vorstellen können, Pfarrer zu werden. Er ist nicht wegen der Geschenke zur Konfirmation gegangen, sondern weil er den Sinn darin gesehen hat, sagt seine Mutter. Als Kind spielte Vogel Fußball beim 1. FC Köln, dann wurde er Boxer. Nach dem Wechsel vom katholischen Elitegymnasium auf das Sportinternat nach Berlin-Hohenschönhausen saß er mit Franziska van Almsick in einer Klasse, mit den heutigen Box-Weltmeistern Felix Sturm und Jürgen Brähmer kämpfte er in der Nationalstaffel. 2000 wird er Profi, kämpft im Vorprogramm von Witali Klitschko und Sven Ottke, trainiert bei Star-Trainer Ulli Wegner. Insgesamt bringt er es auf sechs Siege und ein Unentschieden in sieben Kämpfen. 2001 tritt er zum Islam über.
Ich habe mich mit allen Religionen beschäftigt und in allen findet man auch etwas Gutes, sagt Vogel. Aber der Islam hat mich gleich gepackt, weil er auf wahren, unverfälschten Quellen basiert. Er liefert logische Antworten auf die drei fundamentalen Fragen, die wir alle haben: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, was ist der Sinn des Lebens? Mit der christlichen Opfertodtheorie habe er sich nicht identifizieren können. Ich glaube nicht, dass die Bibel ein schlechtes Buch ist, aber sie ist nicht die hundertprozentige Wahrheit. Am 11. Mai 2001 fährt Pierre Vogel einen Trainingspartner aus den Vereinigten Staaten in eine Moschee nach Frechen bei Köln. Dort entschließt er sich spontan, das islamische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Ich hatte vorher schon fünfmal am Tag gebetet, aber den Islam noch nicht angenommen, sagt Vogel.
Sabine Vogel über ihren Sohn: "Ich sage immer, er ist in einer anderen Partei"
Irgendwann kann Vogel den Boxsport nicht mehr mit seinem Glauben vereinbaren. Es ist laut Sunna streng verboten, jemandem ins Gesicht zu schlagen, es sei denn zur Selbstverteidigung. Ich konnte das Boxen aber zunächst nicht aufgeben, weil ich finanziell abhängig war, sagt Vogel. 2002 hört er mit dem Boxen auf und schreibt sich an der Universität Köln ein. Er studiert Sozialwissenschaften und Geographie auf Hauptschullehramt. Nach einem Semester bricht er ab. Er will Übersetzer werden, lernt in Bonn Arabisch. Wieder wirft er hin. 2004 macht er ernst und geht ins wahhabitische Saudi-Arabien, wo er den Islam studiert.
Drei Semester lernt er am Arabistischen Institut für Ausländer an der Umm-al-Qura-Universität in Mekka. Ich wollte in Saudi-Arabien lernen, um den Islam später in Deutschland argumentativ verteidigen zu können, sagt Vogel. 2006 kommt seine Tochter in Bonn auf die Welt - mit einem Herzfehler. Vogels Tochter und seine marokkanische Ehefrau können nicht wie geplant nach Mekka nachkommen. Stattdessen kehrt Pierre zurück. Mittlerweile nennt er sich Salahudin, seit der Geburt seines Sohnes Abu Hamsa.
Beten im Keller der Gaststätte der Mutter
Ich wollte nur eine Auszeit vom Studium nehmen. Daraus sind jetzt vier Jahre geworden, sagt Vogel. Auf einer Veranstaltung hatte er kurz nach seiner Rückkehr von seinem Weg zum Islam berichtet. Der Vortrag wurde aufgenommen, auf DVD gepresst und zehntausendfach verbreitet. Vogel wurde zu einem Prominenten in einer Szene, die für Deutsche zuvor kaum zugänglich war. Mit solchen Ausmaßen habe ich nicht gerechnet. Ich bin da reingerutscht, sagt Vogel.
Mit seinen Predigten erreicht er Jugendliche ausländischer Herkunft, die die Sprache ihrer Eltern nicht mehr beherrschen. Er findet den richtigen Ton, er ist ein begnadeter Selbstdarsteller. Er hat die Fähigkeit, auf junge Leute zuzugehen, sagt Islamwissenschaftler Müller. In seiner Stimme schwingt Achtung mit. Denn Vogel ist nicht nur ein fähiger Redner, sondern auch ein streitbarer. Öffentlich legt er sich mit muslimischen Verbänden und anderen Predigern an. Er tritt den gängigen Islam-Organisationen vors Schienbein, sagt Müller. Er ist ein spannendes Experiment, er bringt Bewegung in die Szene.
Sich selbst bringt Vogel in Lebensgefahr. 14 Morddrohungen hat er bislang erhalten, davon nach Einschätzung des Landeskriminalamts einige ernstzunehmende. Dass die Drohungen von Terrorbefürwortern aus der islamistischen Szene kämen, wie Vogel sagt, nimmt er als Beweis für seine Harmlosigkeit. Weil er im Fernsehen kundtat, einen muslimischen Bruder, der einen Anschlag plane, in letzter Konsequenz anzuzeigen, wird er in Internetforen und in Videobotschaften attackiert. Ich sage nicht, dass der Islam eine pazifistische Religion ist. Aber Terroranschläge sind mit ihm nicht vereinbar. Es ist schizophren, den 11. September gutzureden, sagt Vogel. Am 20. Februar will er in Bonn einen Vortrag zum Thema Wie steht der Islam zum Terrorismus? halten. Leuten, die eine Tendenz zum Terrorismus haben, kann ich nicht mit einem Euro-Islam kommen, sondern nur mit klaren Beweisen aus Koran und Sunna, sagt Vogel.
In der Mönchengladbacher Moschee kommt ein junger Ägypter, der gerade nach Deutschland gezogen ist, auf Vogel zu. Ich kenne dich aus dem Internet, sagt er voller Ehrfurcht und schüttelt dem Prediger die Hand. Auf Vogels Website Einladung zum Paradies kann man den Konvertiten in zahlreichen Videobotschaften sehen - bei öffentlichen Vorträgen, bei Studiopredigten, bei Konversionen. Von den Einnahmen des Verlages, der seine Predigten im Internet veröffentlicht, bestreite er seinen Lebensunterhalt, sagt Vogel. Ich werde nicht von Pakistan finanziert, sonst ginge es mir ja besser. Ich komme so durch.
Vogel fällt es leicht, vom Deutschen ins Arabische zu wechseln, er zitiert aus dem Stegreif aus dem Koran und aus der Bibel. Ausländische Imame fallen gegen ihn ab, sagt Islamwissenschaftler Müller. Die wissen nichts über die deutschen Verhältnisse, ich dagegen kenne viele Milieus, sagt Vogel. Eigentlich wolle er nur den Islam lehren, aber weil die islamischen Organisationen in Deutschland seiner Meinung nach zu oft schwiegen, müsse er die Stimme erheben. Sonst wehrt sich keiner.
Im Gasthaus der Vogels sind offene Worte die Regel. Sabine Vogel fällt am Kaffeetisch auf, dass die Häkelmütze ihres Sohnes schief sitzt. Er solle sie anständig aufsetzen, mahnt die Mutter. Das kann ich nämlich nicht leiden, sagt sie. Ihren Mann stört der lange rötliche Bart bei Pierre. Aber sie stehen zu ihrem Sohn. Sabine Vogel sagt: Wir sind in unserer Familie eben multikulti.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Kai Nedden