Berlin - Hierzulande gelten TV-Shows wie das "Dschungelcamp" oder "Stars on Ice" als Tummelplatz der Gescheiterten und aus der Mode Gekommenen. Der Fußball-Torwart Eike Immel strandete für ein paar Abende im Privatfernsehen, Diskuswerfer Lars Riedel war sich ebenso wenig zu schade für das seichte Unterhaltungsprogramm wie Boxer Sven Ottke.
Ganz anders in den USA. Shorttrack-Ikone Apolo Anton Ohno gewann 2007 die US-Variante "Dancing with the Stars"; es war so etwas wie der Startschuss für seine zweite Karriere. Er erklärte daraufhin seinen Rücktritt aus dem Jahr 2006 für nichtig und wurde seitdem viermal Weltmeister. Das US-Magazin "Forbes" führt ihn als Olympioniken mit den fünfhöchsten Werbeeinnahmen aller Teilnehmer (1,5 Millionen US-Dollar). Gewinnt Ohno heute eine Medaille, ist er mit sechs Olympia-Plaketten neben Eisschnellläuferin Bonnie Blair der erfolgreichste Wintersportler der US-Geschichte.
Seine Chancen stehen nicht schlecht. "Ich bin in der Form meines Lebens", sagt Ohno (27), der des übertriebenen Selbstzweifels unverdächtig ist. In dieser Saison hat er zehn Pfund abgespeckt und so viel trainiert wie noch nie zuvor in seiner Karriere. Er wähnt sich bestens gerüstet für das körperbetonte Ausscheidungsfahren. Früher war er stets der korpulenteste seiner Trainingsgruppe, was ihm bald den Ruf des Supertalents zwischen Genie und Wahnsinn einbrachte. Die Experten sind sich einig: Einzig Lee Ho-Suk kann ihn im Pacific Coliseum von Vancouver schlagen. Und weil der aus Südkorea kommt, droht sich die Schlammschlacht von 2002 zu wiederholen.
In Salt Lake City erreichte der Südkoreaner Kim Dong-Sung das Ziel nach 1500 Metern als Erster. Wegen einer Rempelei wurde der Asiate jedoch disqualifiziert und Ohno nachträglich zum Sieger erklärt. Die erfolgreichste Shorttrack-Nation, die ihre Läufer wie Helden verehrt, witterte Betrug. In den ersten 24 Stunden nach seinem Sieg gingen über 16 000 hasserfüllte E-Mails bei Ohno ein. Als die südkoreanischen Spieler bei der Fußball-WM ein halbes Jahr später gegen die USA trafen, feierten sie das Tor höhnisch mit Schlittschuhschritten. Bis heute wird Ohno in Asien ausgebuht und beschimpft.
Dabei ist Apolo Anton Ohno seit 2007 Mitglied der Asian Hall of Fame, der Ruhmeshalle für besonders verdienstvolle asiatischstämmige Amerikaner. Der Sohn japanischer Einwanderer wuchs in Seattle auf. Sein Vater war ein über die Stadtgrenzen hin berühmter Friseur und viel beschäftigt; die Mutter nie für ihren Sohn da. Aus Langweile schloss sich Apolo Straßengangs an und war auf dem besten Weg auf die schiefe Bahn. Als er zwölf war, schickte ihn der Vater zum Training in die Eislaufhalle, als pädagogische Maßnahme sozusagen. Dort fiel Ohnos Explosivität sofort auf; zwei Jahre später war er der jüngste US-Meister im Shorttrack. "Der Sport hat mich gerettet. Ich bin froh, dass ich nie herausfinden musste, wo ich ohne ihn gelandet wäre", sagt Ohno. Jetzt will er die Südkoreaner, die 2006 sechs der acht Shorttrack-Entscheidungen gewannen, wieder besiegen. Und dann, wie angekündigt, als erfolgreichster US-Wintersportler seine Karriere beenden. sip




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